Jeder Fünfte in Deutschland denkt ans Auswandern. Tim Chimoy hat es gemacht, bevor es das Wort dafür überhaupt gab. Zehn Jahre Thailand, eine Community mit 500 Mitgliedern, ein Haus in Chiang Mai. Und dann der Schritt, mit dem niemand gerechnet hätte: zurück Richtung Europa. Warum? Weil Freiheit einen Preis hat, den auf Instagram keiner zeigt.
Tim Chimoy ist gelernter Architekt und einer der ersten Menschen, die den Begriff "digitaler Nomade" in Deutschland geprägt haben. 2012 stieß er in seinem Bore-out-Job als Projektsteuerer auf einen US-amerikanischen Blog über ortsunabhängiges Arbeiten und dachte: Was die können, kann ich auch. Er kündigte, gründete einen Outsourcing-Service für CAD-Zeichnungen und wanderte nach Thailand aus.
2015 startete er den Citizen Circle, heute die älteste und grösste deutschsprachige Community für ortsunabhängige Selbstständige und Solopreneure. Rund 500 aktive Mitglieder, über 16 Konferenzen auf vier Kontinenten, 75 Prozent Verbleibsquote nach dem ersten Jahr. Chimoy hat gesehen, was funktioniert und was Menschen scheitern lässt. Und seine Antwort ist selten die, die man erwartet.
Chimoy unterscheidet knallhart zwischen zwei Typen. "Wenn du aber so eine reine Weg-von-Motivation hast, also einfach nur sagst, Deutschland geht den Bach runter, dann kommen im anderen Land die nächsten Begebenheiten, die nicht passen, und dann hast du wieder den Fluchtreflex." Wer nur flieht, nimmt seine Probleme mit. Wer dagegen ein Land wirklich liebt und dorthin zieht, hat die deutlich besseren Karten.
Seine Faustregel: Menschen, die auswandern wollen, nimmt er erst ernst, wenn sie eine echte Reisehistorie haben. Wer noch nie länger woanders gelebt hat, romantisiert meist ein Bild, das mit dem Alltag im Ausland wenig zu tun hat.
Das grösste Missverständnis: Man gründet schnell eine Firma im Ausland und spart Steuern. So einfach ist es nicht. Entscheidend ist der "Place of Effective Management". Wer in Deutschland wohnen bleibt, aber eine US LLC oder Hongkong-Firma führt, wird von Deutschland ganz normal besteuert - plus jede Menge Komplexität. "Für jemanden, der in Deutschland wohnen bleiben möchte, macht es sehr, sehr wenig Sinn, eine Firma in einem anderen Land zu gründen."
Wer in Deutschland eine profitable Firma hat und diese ins Ausland verlagern will, läuft in die Wegzugsbesteuerung: Es wird eine fiktive Firmenbewertung angesetzt und besteuert. Genau das hält laut Chimoy viele zurück. Sein Rat: Wer wirklich auswandern will, gründet am besten erst nach dem Wegzug neu, direkt im Ausland. Beliebte Ziele für Unternehmer sind Zypern, Malta und Irland, für Solo-Freiberufler auch Bulgarien mit rund 10 Prozent oder die Tschechische Republik.

Aus 1.500 Menschen, die durch seine Community gegangen sind, zieht Chimoy ein klares Fazit: "Es scheitert nicht an zu viel oder zu wenig Wissen. Es scheitert auch nicht daran, dass jemand nicht die richtige Business-Idee hat, sondern am Ende steht man sich immer selbst im Weg." Ortsunabhängiges Arbeiten sei maximale Eigenverantwortung und damit vor allem konstante Persönlichkeitsentwicklung. Wer diesen Zusammenhang nicht erkennt, bleibt sich selbst im Weg.
Ein zweites Muster: Menschen bauen mehrere Geschäftsmodelle parallel auf, weil sie insgeheim nicht daran glauben, dass das erste funktioniert. In der Diskussion mit Christoph Lindemann wurde schnell klar, warum das gefährlich ist. Wer strukturiert Prozesse aufbaut und ein Business erst systematisiert, bevor er das nächste startet, macht deutlich weniger Fehler, wie es auch Jonas Eisert beim Thema Skalierung und Prozesse im Unternehmensaufbau beschreibt.
Menschen kommen in eine Community, weil sie ein konkretes Problem lösen wollen. Sie bleiben wegen der Gemeinschaft. Chimoys wichtigstes Werkzeug dafür nennt er das Lagerfeuer: kleine Gruppen von fünf, sechs, sieben Menschen, die nicht über ihre Erfolge reden, sondern über ihre Ängste. "Dann entsteht dieses Gefühl von, wir helfen uns gegenseitig und wir haben Vertrauen." Die große Community von 500 Leuten funktioniert genau wegen dieser vielen kleinen Kreise.
Das Modell: 100 Euro im Monat oder 1.000 Euro im Jahr, ein Level, ein Schnuppermonat, danach ein Jahr Verbindlichkeit. 75 Prozent bleiben nach dem ersten Jahr. Wer mindestens einmal jährlich zu einem Offline-Event kommt, bleibt mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit dabei.
Der überraschendste Teil des Gesprächs: Chimoy zieht zurück Richtung Europa, aktuell Malta, bald näher an Deutschland. Sein Partner aus Malaysia, seine älter werdenden Eltern und sein viereinhalbjähriger Sohn in Berlin, den er gemeinsam mit einem befreundeten Paar großzieht, haben ihn umdenken lassen. "Ich habe immer sehr stark auf Freiheit optimiert und so ein bisschen das Zugehörigkeitsgefühl ignoriert." Sein Warnruf: Wir laufen auf eine Vereinsamungsepidemie zu, und ein freiheitlicher Lebensstil kann diese Gefahr verstärken.
Auswandern aus Flucht funktioniert selten. Nur wer zu einem Ort hin will statt vor etwas wegzulaufen, findet dort dauerhaft Zufriedenheit.
Steuerliche Gestaltung ist möglich, aber nur sauber, wenn der Lebensmittelpunkt tatsächlich verlagert wird. Wer in Deutschland bleibt, spart mit einer Auslandsfirma nichts.
Erfolg im ortsunabhängigen Business ist kein Wissensproblem, sondern ein Mindset-Thema. Man steht sich am Ende immer selbst im Weg.
Baue niemals zwei Geschäfte gleichzeitig auf. Systematisiere eins, zieh dich aus dem Tagesgeschäft, dann starte das nächste - idealerweise eines, das zum ersten passt.
Freiheit ohne Zugehörigkeit macht einsam. Pflege deine Freundschaften aktiv weiter, wenn du derjenige bist, der geht.
Tim Chimoys Geschichte ist kein Werbespot fürs Auswandern, sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme. Er zeigt, wie viel Freiheit möglich ist und wo ihre Grenzen liegen. Wer mit dem Gedanken spielt, ortsunabhängig zu leben, bekommt hier die Landkarte und die Warnschilder gleich dazu. Die ganze Episode gibt es jetzt als Video und überall, wo es Podcasts gibt.
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