Gast
Julia Bösch
Zehn Jahre. So lange brauchte Julia Bösch, bis Outfittery zum ersten Mal ein profitables Quartal vorweisen konnte. Zehn Jahre, in denen das Berliner Personal-Shopping-Unternehmen rote Zahlen schrieb, Investoren überzeugen musste und sich gegen Konkurrenten behaupten musste, die irgendwann auch Zalando hießen. Heute betreut die Lookiero Outfittery Group nach der Fusion mit dem spanischen Wettbewerber im März 2025 über drei Millionen Kundinnen und Kunden in zwölf europäischen Märkten und macht 130 Millionen Euro Umsatz. Was wir von ihrer Geschichte lernen können, geht weit über Mode hinaus.
Julia Bösch ist am Bodensee aufgewachsen, gebürtige Österreicherin und studierte BWL in München. Ihre Karriere begann sie bei Zalando, als das Unternehmen gerade einmal 40 Mitarbeitende hatte. Innerhalb von zwei Jahren wuchs das damalige Start-up auf 1.500 Leute und von sechs Millionen auf 500 Millionen Euro Umsatz. Für Bösch war diese Zeit der wertvollste MBA, den sie sich hätte vorstellen können. Sie verlor die Angst vor Geschwindigkeit und gewann das Selbstvertrauen, das sie später brauchen sollte.
2012 gründete sie gemeinsam mit Anna Alex Outfittery, mit gerade einmal 27 Jahren und ohne nennenswerte Berufserfahrung. Die Idee dahinter: Den Service eines persönlichen Stylisten, den sich in den USA viele wohlhabende Männer leisteten, online und kostenlos für jeden zugänglich machen. Zwölf Jahre später ist sie eine der bekanntesten Unternehmerinnen der deutschen Tech-Szene. Das Handelsblatt hat sie zu den Top 50 Unternehmerinnen Deutschlands gekürt, sie zählt zu den Top 20 Women in AI-Germany und gilt als LinkedIn Top Voice. Heute führt sie als Executive Chair den Verwaltungsrat der fusionierten Lookiero Outfittery Group.
Wenn du von außen auf die Zahlen schaust, könnte dir schwindelig werden. Bis 2018 hatte Outfittery rund 50 Millionen Euro Verluste angehäuft. Brückenfinanzierungen, mehrere Investmentrunden, immer wieder die Frage: Holen wir die nächste Runde rein oder ist hier Schluss? Julia Bösch verteidigt diesen Weg trotzdem. Im E-Commerce gehe es schlicht nicht ohne externes Kapital, sagt sie, weil das Working Capital so hoch sei. Ihr Gedanke dahinter war von Anfang an strategisch klar: Lieber ein kleineres Stück von einem riesigen Kuchen als ein riesiges Stück von einem kleinen Kuchen.
Dieser Weg verlangte Durchhaltevermögen, das man sich in Coaching-Büchern nicht antrainieren kann. Es sei kein Marathon, sagt Bösch, sondern "a marathon of sprints". Wer das Gründen romantisiert, hat noch nie selbst zehn Jahre lang jedes Quartal Rote-Zahlen-Reports an Investoren geschickt. Und trotzdem gibt es genau einen Grund, warum so eine Reise funktioniert: Du musst aus den Herausforderungen Energie ziehen können, statt von ihnen erdrückt zu werden.
In ihren ersten Jahren als CEO behielt Bösch alle Probleme für sich. Das Team sollte nicht belastet werden, der Druck der Investorenrunden blieb in ihrem Kopf. Mit der Zeit merkte sie, dass diese Strategie nach hinten losging. Wer nur die positiven Nachrichten teilt, verliert Glaubwürdigkeit. Das Team versteht das ganze Bild nicht und kann deshalb auch nicht auf dem Niveau arbeiten, das gerade nötig wäre. Heute teilt sie Herausforderungen offen mit ihrem Senior-Team, ohne dabei den unbändigen Glauben an die Zukunft zu verlieren. Genau diese Kombination aus radikaler Ehrlichkeit über Probleme und unerschütterlichem Glauben an die Vision ist es, was Teams durch Krisen trägt.
Julia Bösch und Anna Alex haben sich bei Zalando kennengelernt und beschlossen, gemeinsam etwas Eigenes aufzubauen. Für Bösch war von Anfang an klar: Wenn schon, dann zu zweit. Die Höhen einer Gründerreise zu teilen, macht sie noch schöner. Die Tiefen zu teilen, macht sie erträglicher. Und am Anfang gab es viele Dinge, die beide nicht konnten. Wie meldet man eine GmbH beim Notar an? Wie eine Marke? Wer macht die Buchhaltung? Wer wird Stylistin? Beide würfelten teilweise aus, wer was übernimmt.
Nach vier oder fünf Jahren veränderte sich die Lage. Anna Alex stellte fest, dass ihr die Energie für das Unternehmen abhandengekommen war. Outfittery war zu groß geworden, sie wollte wieder selbst etwas Eigenes machen, statt zu delegieren. Sie verließ 2018 die operative Führung. Für Bösch war das eine der härtesten Phasen ihrer Unternehmensgeschichte. Aus dem Co-CEO-Modell wurde eine Single-CEO-Verantwortung, der gewohnte Sparringspartner für jede große Entscheidung war plötzlich weg. Genau in dieser Phase begann Bösch, mit einer Coach zu arbeiten und stieß auf die Entrepreneurs Organisation, ein internationales Unternehmer-Netzwerk, in dem sie sich seit zehn Jahren einmal im Monat mit anderen Gründern austauscht.
Outfittery sitzt mitten in der Debatte, die jedes E-Commerce-Unternehmen 2026 führen muss. Wenn ChatGPT in wenigen Sekunden ein komplettes Outfit empfehlen und passende Shopping-Links generieren kann, warum sollte jemand noch eine kuratierte Box bestellen? Julia Böschs Antwort darauf ist klar und gleichzeitig differenziert. KI allein liefert nicht die Qualität, die ein anspruchsvoller Kunde erwartet. Und der größte Wettbewerbsvorteil von Outfittery sind die Daten von über drei Millionen Kundinnen und Kunden, die das Unternehmen über Jahre gesammelt hat. Welche Marken funktionieren bei welchem Stiltyp? Was wird zurückgeschickt und warum? Diese Daten sind in keinem allgemeinen KI-Modell abbildbar.
Die Kombination aus KI und menschlichen Stylisten ist deshalb die strategische Ausrichtung der gesamten Gruppe. Algorithmen übernehmen den repetitiven Teil und schlagen vor, welche Outfits aufgrund tausender Datenpunkte am wahrscheinlichsten gefallen. Die über 200 menschlichen Stylisten setzen dort an, wo es kreativ wird: Welcher Kunde will Neues ausprobieren? Wo lohnt es sich, jemanden ein wenig aus seiner Komfortzone zu schubsen? Genau diese Kombination beschreibt Bösch mit dem Begriff "High Tech, High Touch".
Bösch hat einen Satz formuliert, der jedem Angestellten heute zu denken geben sollte: Du wirst nicht von KI ersetzt. Du wirst von jemandem ersetzt, der KI besser versteht als du. Deshalb wird in der Lookiero Outfittery Group aktiv gefördert, dass jede Abteilung mit den neuen Tools experimentiert. Manche Stylisten müssen heute andere Aufgaben übernehmen als noch vor zwei Jahren, weil der repetitive Teil ihrer Arbeit von Algorithmen übernommen wird. Wer mitwandert, übernimmt mehr Verantwortung im kreativen Bereich. Wer sich verweigert, hat schlicht ein Problem.
Im März 2025 vollzog Outfittery die zweite große Fusion seiner Geschichte. Nach dem Zusammenschluss mit Modomoto im DACH-Raum 2019 ging es dieses Mal um die europäische Dimension. Lookiero, gegründet 2016 in Bilbao, war im Frauen-Segment stark, während Outfittery seine Wurzeln im Männer-Segment hatte. Frankreich war der stärkste Markt der Spanier, Deutschland der von Outfittery. Komplementärer geht es kaum.
Das Kennenlernen zog sich über mehrere Jahre. Beide Unternehmen sind Venture-Capital-finanziert, weshalb nicht nur die Gründer zustimmen mussten, sondern auch zahlreiche Investoren auf beiden Seiten. Mitte 2024 war der Zeitpunkt schließlich richtig. Heute führt Lookiero-Gründer Oier Urrutia als CEO das operative Geschäft, während Julia Bösch als Executive Chair den Verwaltungsrat leitet und für die strategischen Themen verantwortlich ist. Sie selbst sagt, dass ihre größten Stärken im Bereich Strategie, M&A und Expansion liegen. Genau dort kann sie heute ihre Energie bündeln, ohne im operativen Tagesgeschäft aufzugehen.
In den letzten zehn Jahren ist der Anteil weiblicher Gründerinnen in Deutschland nur um drei Prozent gestiegen. Eine Zahl, die Bösch nicht loslassen will. Sie nennt drei Gründe: Es fehlen Vorbilder, es fehlt eine offene Kultur und es fehlt Kapital. Nur etwa sieben Prozent des Venture Capitals fließen in von Frauen gegründete Unternehmen, obwohl der Anteil weiblicher Gründerinnen bei rund 20 Prozent liegt. Hinzu kommt, dass viele Frauen sich selbst zu kritisch hinterfragen, in Gehaltsverhandlungen mit sich selbst vorverhandeln und damit am Ende weniger fordern, als sie eigentlich wollten.
Ihr eigener Tipp an Gründerinnen ist deshalb unmissverständlich: Niemals mit sich selbst vorverhandeln. Frag dich, was dein größter Traum wäre, wenn du keine Angst hättest. Schieß darauf, nicht auf einen abgespeckten Kompromiss. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass die viel beschworene Diskriminierung im Gründer-Alltag oft auch eine Chance sein kann. Als Frau im Männermarkt erhält man mehr Aufmerksamkeit, kommt leichter in Investorenrunden und hat einen wertvollen Pluspunkt im Pitch. Schenken tut einem das niemand, aber die Tür geht oft schneller auf.
Ein Thema, über das Bösch in den letzten Jahren immer offener spricht, ist Social Freezing. Sie selbst hat Anfang 30 ihre Eizellen einfrieren lassen und sagt heute, dass sie ohne diesen Schritt wahrscheinlich kein Kind hätte. In Deutschland ist das Thema immer noch tabuisiert, obwohl viele Akademikerinnen das erste Kind erst nach dem 35. Lebensjahr bekommen, wenn die Eizellqualität bereits stark abnimmt. Für Bösch ist es ein wichtiges gesellschaftliches Anliegen, dass Frauen Ende 20 oder Anfang 30 sich aktiv mit ihrer Fruchtbarkeit auseinandersetzen, ohne sich dafür schämen zu müssen.
Wenn man die Geschichte von Julia Bösch in drei Erkenntnisse destillieren würde, dann diese: Erstens, dass nachhaltiges Wachstum nicht ohne persönliches Wachstum funktioniert. Eine Firma kann nur so schnell wachsen wie die Gründerin selbst. Wer das nicht versteht, hängt irgendwann hinter dem eigenen Unternehmen hinterher. Zweitens, dass Naivität kein Nachteil ist, sondern eine Superkraft. Die meisten innovativen Ideen entstehen genau deshalb, weil jemand etwas anders gemacht hat, als die Branche es gewohnt war.
Und drittens, dass die Wahl des Lebenspartners für Gründer mindestens so wichtig ist wie die Wahl des Mitgründers. Julia Böschs Mann hat Elternzeit genommen, damit sie zwei Monate nach der Geburt wieder Vollzeit ins Outfittery-Geschäft einsteigen konnte. Ohne diese Unterstützung wäre vieles in den letzten Jahren nicht möglich gewesen. Wer eine Gründerreise vor sich hat, sollte diese Entscheidung mindestens so bewusst treffen wie die Entscheidung für das eigene Unternehmen.
Julia Bösch zeigt, dass die wirklich großen unternehmerischen Geschichten selten in drei Jahren passieren. Sie passieren in zehn, manchmal in zwölf, manchmal noch länger. Wer den eigenen Weg ernst meint, braucht keinen Sprint, sondern eine Reihe von Sprints, die ein Leben lang aneinandergereiht werden. Und er braucht Menschen, die mitgehen: Co-Founder, Investoren, Mitarbeitende, Lebenspartner. Diese Episode des Unternehmer Macher Podcasts ist eine Pflichtveranstaltung für jeden, der sich gerade fragt, ob er die nächste Hürde noch durchstehen wird. Die Antwort lautet: Wahrscheinlich ja. Und es lohnt sich.
Disziplin-Experte: Motivation ist eine Lüge! | Timo Sven Bauer
Unternehmer und Sales Coach Timo Sven Bauer erklärt, warum Disziplin der größte Wettbewerbsvorteil unserer Zeit ist und wie du sie aufbaust.
Sales-Profi: Warum die meisten Verkäufer scheitern | Lucas Barth
Vom Profisport in die Sales Elite: Lucas Barth über 10.000 Verkaufsgespräche, den größten Fehler im Vertrieb und wie du sofort besser verkaufst.