Gast
Jonas Eisert
Stell dir vor, du fährst gerade auf dem Rücksitz eines Taxis und arbeitest. Kein Laptop auf dem Schoß zuhause, kein Büro, kein Chaos. Einfach konzentrierte Arbeitszeit, weil du das Taxi bezahlst, damit du nicht selbst fahren musst. Klingt simpel. Und genau das ist das Denken, das Jonas Eisert von den meisten Unternehmern unterscheidet.
Jonas ist Gründer von Loftfilm, Kopf der Münchner Marketinggruppe und hat aus einer Idee, die er mit 2.000 Euro auf dem Konto startete, ein Unternehmen mit über 90 Festangestellten und mehr als 10 Millionen Euro Jahresumsatz gebaut. Und der wichtigste Baustein dahinter? Prozesse. Systematisches Skalieren, das nichts dem Zufall überlässt.
In dieser Episode des Unternehmer Macher Podcasts erklärt Jonas, wie dieser Aufbau wirklich funktioniert, und was hinter dem Vorhang steckt, wenn eine Firma an Tagen über 100.000 Euro Umsatz macht.
Jonas ist kein Fan von einfachen Antworten auf komplexe Fragen. Wenn man ihn fragt, wie er damals bei X Euro Umsatz auf Y Euro Umsatz gekommen ist, sagt er etwas, das viele enttäuscht: Es gibt keine magische Pille.
Was es gibt, ist eine klare Haltung. Und die prägt alles.
Seine Grundthese: Deine Glaubenssätze bestimmen, wie du handelst. Wie du handelst, bestimmt deine Ergebnisse. Klingt abstrakt, wird aber bei Jonas sehr konkret. Als er und sein Geschäftspartner Felix zum ersten Mal einen Millionenmonat erreichten, feierten sie. Beim zweiten Mal saßen sie sich gegenüber und sagten: "Es ist peinlich, dass wir immer noch nur einen Millionenmonat machen."
Aus einem großen Ziel wurde der neue Standard. Und damit änderte sich alles im Denken und Handeln.
Genau hier liegt ein Schlüsselprinzip beim systematischen Skalieren: Ein Ziel von 20 Prozent Wachstum zwingt dich nicht, anders zu denken. Du machst einfach ein bisschen mehr von dem, was du schon tust. Willst du aber das Zehnfache erreichen, musst du das gesamte System in Frage stellen. Neue Strukturen, neue Prozesse, neue Wege.
Jonas wollte nach seiner Ausbildung als Mediengestalter ursprünglich digitaler Nomade werden. Mit einem Kumpel in Vietnam startete er einen YouTube-Kanal, produzierte Content über das Nomadenleben und verkaufte Leads für ein Coaching-Programm. Er arbeitete 15 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.
Als sein Partner zurück nach Vietnam wollte und Jonas nicht, stand er vor einer Entscheidung. In Barcelona, mit einem LinkedIn-Profil und einer neuen Beschreibung, fing er von vorne an: "Jonas Eisert, dein Produkt verständlich in 60 Sekunden erklärt."
Erklärvideos. Nicht weil es damals ein leerer Markt war, sondern weil Jonas erkannte, dass er zwei Fähigkeiten kombinieren konnte: Filmhandwerk und Verkaufspsychologie.
Er suchte sich Freelancer, baute mit automatisierten LinkedIn-Outreach-Kampagnen seine ersten Leads auf, entwickelte Skripte, testete Nachrichten fünfmal, wertete aus, optimierte, testete wieder. Immer auf der Suche nach dem Prozess hinter dem Ergebnis.
2019, noch als Ein-Mann-Firma plus Freelancer, knackte er erstmals 100.000 Euro Monatsumsatz. Da wusste er: Das lässt sich nicht mehr von unterwegs führen. Er holte Felix, seinen heutigen Mitgründer und Geschäftsführer, nach München. Und die drei Ziele, die er Felix nannte, klangen damals größenwahnsinnig: Loftfilm soll Synonym für Erklärvideo werden, die größte Erklärvideoagentur der Welt werden, und mindestens eine Million Euro im Monat machen.
Alle drei Ziele haben sie erreicht.
Erklärvideos haben einen klaren Job: Sie schließen die Lücke zwischen Interesse und Kaufentscheidung. Wer ein Produkt oder eine Dienstleistung nicht versteht, kauft nicht. Auch wenn er das Geld dafür hätte. Jonas hat das hautnah beim Verkauf des Coaching-Programms erlebt: Potenziell interessierte Menschen, klarer Bedarf, und trotzdem kein Abschluss. Der Grund war fast immer eine fehlende Information.
Genau hier setzen gute Erklärvideos an.
Zur unvermeidlichen Frage, ob KI das nicht längst übernimmt, hat Jonas eine differenzierte Antwort. KI liefert zuverlässig eine 7 von 10. Manchmal eine 6, manchmal eine 8. Das Problem: Im Marketing gibt es oft kein Mittelmaß. Entweder ein Video konvertiert oder es tut es nicht. Und eine 7 von 10 ist dabei häufig genauso wirkungslos wie eine 0 von 10.
Die ersten Sekunden eines Videos entscheiden über alles. Loftfilm hat aus 5.000 produzierten Videos und Millionen Euro eigenem Ad-Budget gelernt, was funktioniert und was nicht. Dieses Wissen kann keine KI in Sekunden replizieren.
Gleichzeitig setzt Jonas auch selbst auf KI, aber gezielt: KI-Agenten für Teilaufgaben, Speech-to-Speech statt Text-to-Speech für Voice-Overs, und spezifische Bildprompts statt der vagen Aufforderung, ein komplettes Video zu erstellen. Das Ergebnis kann beim KI-Erklärvideo genauso hochwertig sein wie beim klassischen Animationsvideo, wenn man weiß, was man tut.
Wenn Jonas über seinen Lieblingsfeind spricht, nennt er Redundanz. Sachen doppelt machen. Wissen, das verloren geht. Mitarbeiter, die denselben Fehler zum dritten Mal erklären müssen.
Seine Antwort: alles einmal richtig dokumentieren und dann nie wieder selbst erklären müssen.
Bei Loftfilm und der Münchner Marketinggruppe gibt es über 6.000 Video-Schulungen für Mitarbeiter. Nicht als einmalige Onboarding-Maßnahme, sondern als lebendes System. Jeder Prozess hat einen Trigger, also eine Bedingung, die ihn auslöst, und einen klar definierten Abschluss. Jede Ausnahme hat ihr eigenes Video. Wer krank wird, wie man sich meldet, Sonderfall 1, Sonderfall 2 und Sonderfall 3. Das alles existiert, damit kein Wissen auf dem Flurfunk-Weg verloren geht.
Jonas erkannte früh: Was man versteht, kann man kontrollieren. Was man kontrollieren kann, lässt sich replizieren.
Als Loftfilm das erste Unternehmen übernahm (Landeseiten.de), hat er jeden einzelnen Schritt beim Aufbau der neuen Firma mit Loom-Videos aufgezeichnet und einen Kurs daraus gebaut: "Wie gründet man eine neue Firma." Nicht weil er es damals schon brauchte, sondern weil er wusste, dass es nicht das letzte Mal sein würde.
Dieser Weitblick zahlt sich aus. Heute bauen Mitarbeiter neue Firmen nach dem Schema auf, das Jonas einmal dokumentiert hat.
Systematisches Skalieren steht und fällt mit den Menschen. Deshalb ist Rekrutierung bei Jonas kein Nebenprozess, sondern ein vollständig durchdachtes System.
Über 3.000 Bewerbungen im Jahr gehen bei der Münchner Marketinggruppe ein. Eingestellt werden 0,8 Prozent. Zwei Vollzeitmitarbeiter führen den ganzen Tag Bewerbungsgespräche. Jedes Gespräch läuft nach demselben Skript, damit Kandidaten A und B vergleichbar bleiben.
Im dritten Schritt des Prozesses gibt es immer hartes Feedback auf das Testprojekt. Nicht weil es stimmt oder nicht stimmt, sondern weil die Reaktion darauf zeigt, ob jemand offen für ehrliches Feedback ist. Das ist ein kultureller Kernwert bei Jonas.
Und wer eingestellt wird, startet nicht ins Chaos. Am ersten Tag steht der Laptop am Tisch. Daneben eine kleine Tafel mit "Herzlich willkommen". Um 10 Uhr beginnt eine Unternehmenspräsentation, dann folgt eine Abteilungsführung, ein gemeinsames Mittagessen auf Firmenkosten. Und die Feedback-Gespräche für Woche 1, 3, 6 und Monat 3 stehen bereits im Kalender, bevor der neue Mitarbeiter seinen ersten Tag hatte.
Eine der wichtigsten Entscheidungen für das Wachstum war die Aufgabenverteilung zwischen Jonas und Felix. Jonas bringt neue Kunden rein. Felix sorgt dafür, dass bestehende Kunden glücklich bleiben und verlängern.
Keine Überschneidungen. Kein "wir machen beide ein bisschen von allem".
Jonas betont das ausdrücklich, weil er es bei vielen Unternehmern falsch sieht: Wenn zwei Geschäftsführer beide ein bisschen Vertrieb machen und beide ein bisschen Kundenbetreuung, entsteht Reibung, Doppelarbeit und keine klare Verantwortung. Mit klarer Rollentrennung hat jede Führungskraft maximal drei Ziele, meistens sogar nur eines. Alles, was nicht darauf einzahlt, wird abgewehrt.
Jonas sieht sich selbst heute weniger als Geschäftsführer und mehr als Coach für seine Führungskräfte. Er gibt Richtung vor, denkt Ideen an, und schaut bei Entwürfen mit drauf. Die eigentliche Arbeit machen die Menschen, die dafür zuständig sind.
Jonas spricht offen über Geld, aber ohne die übliche Zurschaustellung. Er hat sich mal einen Aston Martin geleast, drei Jahre lang gefahren und am Ende gemerkt: Es macht ihm keinen Unterschied im Leben. Keine Ski passen rein, hinten sind Notsitze, und bei Weihnachten passen die Geschenke nicht mit.
Was Geld für ihn bedeutet, zeigte sich anders: Als er und Felix aus Bali zurück mussten, wegen des Kriegsausbruchs in der Region, steckten alle Flieger fest. Letzte mögliche Option: eine Route über Tokio und die Antarktis nach Frankfurt, zum dreifachen Preis. Sie haben sie gebucht.
Nicht wegen Luxus. Sondern wegen Freiheit. Der Freiheit, in einer unvorhergesehenen Situation die einzig sinnvolle Option auch wählen zu können, ohne stundenlang über das Geld nachzudenken.
"Es hat keinen Nachteil, wohlhabend zu sein", sagt Jonas. Und das ist bei ihm keine Prahlerei, sondern eine schlichte Beobachtung.
Jonas Eisert hat keine Geheimnisse, die nur für Leute mit achtstelligem Umsatz funktionieren. Viele seiner Prinzipien gelten ab dem ersten Kunden:
Wenn du eine Aufgabe zum zweiten Mal machst, dokumentiere sie beim dritten Mal. Baue dein Recruiting so auf, als würdest du in drei Jahren hundert Leute einstellen. Trenne Rollen klar, egal wie klein dein Team ist. Und setze dir Ziele, die dein aktuelles Denken sprengen, nicht nur bestätigen.
Der Unterschied zwischen einer Firma, die irgendwann stagniert, und einer, die auf 10 Millionen und mehr wächst, liegt nach Jonas nicht im Produkt. Er liegt darin, ob du systematisches Skalieren als Haltung in dich und dein Unternehmen aufgenommen hast.
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