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Dirk Müller (Mr. Dax): Warum 600 Millionen Euro auf einmal in seinen Fonds flossen - und was er daraus gelernt hat

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Dirk Müller

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Februar 2020. Die Märkte stehen auf All-Time-High. Dirk Müller, bekannt als Mr. Dax, hat seinen defensiven Premium-Aktien-Fonds zu 100 Prozent abgesichert. Bei rund 140 Millionen Euro Volumen wirkt das auf manche übertrieben. Wenige Wochen später brechen die Märkte um 35 Prozent ein. Sein Fonds verliert nichts, legt sogar leicht zu. Innerhalb weniger Wochen fließen weitere 460 Millionen Euro in den Fonds. 600 Millionen Euro Angstgeld in den Händen eines Mannes, der dreißig Jahre Börse gesehen hat. Wir haben mit ihm über genau diesen Moment gesprochen, über Banken, ETFs, KI und die Frage, was am Ende wirklich zählt.

 

Wer ist Dirk Müller?

Dirk Müller, geboren 1968, ist seit 35 Jahren im Geschehen der Frankfurter Börse. Bekannt wurde er als Mr. Dax, weil sein Arbeitsplatz auf dem Parkett zufällig direkt vor der schwarz-weißen Anzeigentafel stand. Jeder Journalist, der ein Foto vom Dax brauchte, hatte sein Gesicht im Bild. Was viele nicht wissen: Müller hat nie studiert. Er ging direkt von der Banklehre an die Börse, über eine fast unglaubliche Anekdote rund um eine Mohrenkopf-Fabrik in Schifferstadt.

Heute betreibt er die Plattform Cashkurs.com, hat vier Spiegel-Bestseller geschrieben, ist Senator des Senats der deutschen Wirtschaft und legt mit Bankhaus Warburg zwei eigene Aktienfonds auf. Sein defensiver Fonds verwaltet aktuell rund 175 Millionen Euro, der offensive bringt seit Auflage über 40 Prozent Rendite in drei Jahren. Polarisierend ist er trotzdem, oder gerade deshalb.

 

Vom Bankkaufmann zur Frankfurter Börse, ohne einen Tag zu studieren

Die Story klingt erfunden, ist aber wahr. Als Azubi in der Deutschen Bank Mannheim landet Müller in der Börsenabteilung. Ein Kollege ruft, er hätte jetzt Lust auf Mohrenköpfe. Müller kennt durch seine Bundeswehrzeit eine Mohrenkopf-Fabrik. Er ruft hinüber, bietet 50 Stück für Dienstag zu 25 Pfennig an. Die ganze Abteilung kauft. Ein Vorstand kommt aus dem Büro, fragt streng nach Mocker. Müller verkauft ihm 50. Am Dienstag bringt er die Ware. Daraufhin sagt der Vorstand: "Mensch, ich habe da jemanden in Frankfurt, der sucht einen jungen Mann an der Börse."

"Lass niemals Geld den Antrieb sein dessen, was du tust", sagt Müller heute. "Tu immer das, für was du brennst." An der Frankfurter Börse trifft er Surflehrer, ehemalige Fußballprofis, Quereinsteiger jeder Art. Studierte sind die Ausnahme. Was zählt, ist nicht der Lebenslauf, sondern Begeisterung und Ehrlichkeit.

 

Die 600-Millionen-Euro-Falle: Wie Corona ihn persönlich an die Grenze brachte

Müller hatte schon Ende 2019 Hinweise aus seinem Netzwerk, dass aus China etwas kommt, das die Märkte trifft. Er sicherte den Fonds zu 100 Prozent ab. Im März 2020 brach der Markt um 35 Prozent ein. Sein Fonds: leicht im Plus. Was er nicht ahnte: Der pure Schutz vor Verlust wurde zur Falle. Anleger stürzten sich auf den Fonds. Innerhalb von Wochen wuchs er von 140 auf 600 Millionen Euro.

Dann kam die Gegenbewegung. Märkte schossen nach oben, der Fonds blieb abgesichert. Müller stand vor einem Dilemma: Aufmachen und Risiko fahren, oder geschlossen halten und nach oben nichts mitnehmen. Er bekam Anrufe von Anlegern mit zweistelligen Millionenbeträgen: "Wehe, du gehst ins Risiko." Die Verantwortung war erdrückend. Er entschied sich gegen das Risiko. Im Nachhinein zu lange. Die Gap zum MSCI World blieb.

"Das war mit Sicherheit der größte Fehler, daraus habe ich extrem viel gelernt", gibt er offen zu. Heute arbeitet sein Team rein regelbasiert. Bauchgefühl raus, klare Regeln rein. Wenn der Markt steigt, sind sie dabei. Wenn das Momentum kippt, wird sukzessive abgesichert.

 

ETFs sind ein Schneeballsystem, sagt Mr. Dax

Die wohl provokanteste These des Gesprächs: ETFs funktionieren wie Schneebälle. Solange Geld in den Markt strömt, wächst der Schneeball. Die Top-Aktien im Index ziehen das meiste Geld an, werden gewichtiger, ziehen noch mehr Geld an. Das Problem ist die andere Richtung. Wenn die Bewegung kippt, wird aus dem Schneeball eine Lawine. Niemand nimmt aktiv Geld vom Tisch, niemand baut Cash auf. Der ETF folgt dem Index, egal in welche Richtung.

Müller bestreitet nicht, dass ETFs in Aufwärtsphasen exzellent funktionieren. Aber er warnt vor der Illusion, sie seien risikolos. "Wenn euch jemand sagt, das ist total easy, du kannst nur gewinnen - das ist unverantwortlich." Wer einen langen Zeithorizont hat, kann Korrekturen aussitzen. Wer aber kurz vor der Rente steht, sollte wissen: Ein 70-Prozent-Crash kann zwei Jahrzehnte dauern, bis er aufgeholt ist. Frag mal die Japaner.

 

Wirecard: "Wo ist unser Fehler?"

Ein Clip über Wirecard ging viral, in dem Müller zu sagen scheint, alles sei überprüft und sauber. Im Gespräch ordnet er ein. Sein Fonds kaufte Wirecard 2015 bei 30 bis 40 Euro. Der Kurs lief auf 180. Als der Geschäftsbericht verschoben wurde, verkaufte er sofort bei rund 100 Euro. Das war der erste handfeste Hinweis, dass etwas faul war. Andere prominente Investoren stiegen genau da erst ein.

"Wo genau ist unser Fehler? Wir haben billig gekauft, teuer gegeben, sind rechtzeitig ausgestiegen." Der virale Clip blendet aus, dass Müller stets dazusagte, er könne niemandem hinter die Schädeldecke schauen. Aufsichtsbehörden und Wirtschaftsprüfer mit vollem Zugang fanden ebenfalls nichts. Externe Fondsmanager hatten keine Chance, das System Masalek zu durchschauen.

 

Banken sind nicht dein bester Freund

Müller wirft Banken keine Bösartigkeit vor. Er weist auf etwas Strukturelles hin: Anreizsysteme. Der Banker am Schalter steht unter Druck, Bausparträge, Lebensversicherungen oder Fonds zu verkaufen. Selbst wenn er persönlich sieht, dass die Märkte heiss laufen, wird er kaum sagen, kauf nichts. Sein Bonus, sein Haus, seine Karriere hängen dran.

Das Gleiche gilt für Versicherungen, Autoverkäufer, Pharmaindustrie. Frag immer: Welchen Anreiz hat mein Gegenüber? In familiengeführten Mittelständlern findest du noch eher den, der dir auch mal von einem Geschäft abrät. In Konzernen mit harten Vertriebszielen wird das selten. Eine ähnlich kritische Sicht auf Finanzberatung übrigens, wie sie auch

Bastian Kunkels Episode über Finanzbildung sehr deutlich macht, nur mit anderem Schwerpunkt.

 

KI verändert alles, aber zuerst kommt die Dystopie

Müllers Sicht auf künstliche Intelligenz ist differenziert. Kurzfristig sieht er große Probleme. Junge Menschen, die mit KI aufwachsen, werden weniger lernen, Probleme selbst zu identifizieren. Wer nie in den Motorraum geschaut hat, kann ihn auch nicht reparieren, wenn die KI mal danebenliegt. Auf dem Arbeitsmarkt wird ein großer Teil der heutigen Einstiegsjobs durch KI plus eine Person in Indien ersetzt. "Maschinen kaufen keine Maschinen", zitiert er Henry Ford. Wenn die Masse keine Jobs mehr hat, bröckelt das System.

Müller hält das bedingungslose Grundeinkommen für unausweichlich, glaubt aber, dass es zuerst als bedingtes Grundeinkommen kommt. Programmierbares Geld, Klimakonten, soziale Steuerung - das ist die Zwischenstufe. Erst später, nach Reibung und Gegenbewegung, sieht er die utopische Variante kommen, in der Menschen wieder Zeit für das haben, was sie wirklich ausmacht: Kreativität. Eine ähnliche Spannung zwischen Chance und Risiko zeichnet Maximilian Raabes Episode zum Thema KI aus.

 

Sokrates, Psychopathen und der Mut zur Mitte

Eine der stärksten Passagen des Gesprächs dreht sich um Macht. Müller bezieht sich auf Sokrates: Wer Ruhm, Reichtum und Macht um jeden Preis will, ist genau der, der ungeeignet ist, eine Gesellschaft zu führen. Etwa vier Prozent der Bevölkerung sind nach seiner Beobachtung Psychopathen, deren innere Schieberegler aufs Extrem gezogen sind. Diese Menschen kommen automatisch an die Spitze, weil sie über Leichen gehen.

Die Lösung sieht er nicht in einem politischen System, sondern in der Gesellschaft. Solange wir Bezos, Musk und Könige feiern und nicht die Pflegekraft, den Busfahrer, die Apothekenhelferin, ändert sich nichts. Erst wenn wir die feiern, die es verdienen, ändert sich der Anreiz.

 

Die wichtigsten Learnings aus dieser Episode

Erstens: Geld ist nie der richtige Antrieb. Tu das, wofür du brennst. Wer einer Sache mit voller Überzeugung folgt, dem kommt das Geld als Abfallprodukt entgegen. Müller hätte an der Börse auch für kein Geld der Welt aufgehört, weil sie ihn fasziniert hat. Genau deshalb ist er heute Multimillionär.

Zweitens: Lass dein Bauchgefühl nicht über Vermögenswerte entscheiden, die andere Menschen dir anvertraut haben. Klare Regeln, klare Logik, klare Abläufe. Acht von zehn Mal liegt das Bauchgefühl daneben. Das gilt auch für dein eigenes Geld.

Drittens: Prüfe Anreize, nicht Personen. Banken, Versicherungen und Autohäuser verkaufen das, wofür ihre Mitarbeiter Bonus bekommen. Das macht sie nicht zu schlechten Menschen. Aber sie sind nicht dein bester Freund.

Viertens: Diversifizierung ist mehr als ein Wort. Wer alles in ETFs steckt und glaubt, das sei sicher, hat das Schneeballsystem nicht verstanden. Sachwerte, Gold, gestreute Anlagen, klare Strategie - das schlägt blinde Begeisterung.

Fünftens: Bleib skeptisch und hör auf deine Seele. Folge nicht blind der Mehrheit. Aber sei auch nicht so sehr von dir selbst überzeugt, dass du keine andere Sicht mehr zulassen kannst. Verschiebe deinen Wahrscheinlichkeitsregler immer ein Stück, statt ihn ganz links oder ganz rechts einzuhaken.

Sechstens: Was am Ende zählt, ist nicht die Uhr, das Auto, der Job. Es ist, wie du für andere da warst. Wenn du das ernst nimmst, lebst du heute schon anders.

 

Fazit

Diese Episode mit Dirk Müller ist mehr als ein Börsen-Talk. Mr. Dax sieht das Finanzsystem so klar, weil er fast 35 Jahre mittendrin steht. Aber das, was bleibt, sind nicht die Crash-Szenarien. Es ist sein Plädoyer für Begeisterung statt Berechnung, für echte Gespräche statt Polarisierung, für das Gute im Anderen. Wer nach diesem Gespräch eine Woche Complaint-Free durchzieht und sein Geld zumindest mal mit anderen Augen anschaut, hat schon mehr verstanden, als die meisten Banker je vermitteln werden.

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