Gast
Christoph Lindemann
Eine Sache vorweg: Diese Episode ist anders. Christoph Lindemann sitzt zum ersten Mal nicht auf der Frage-, sondern auf der Antwort-Seite seines eigenen Podcasts. Auf dem Stuhl gegenüber sitzt Benjamin Scheibenzuber, einer seiner engsten Geschäftspartner. Und Christoph hat eine Bitte: Klartext. Keine Honig-ums-Maul-Geschichten, keine schönen Fassaden. Sondern die echte Story. Wie aus einem schüchternen Dorfkind aus Vagen ein Unternehmer wurde, der mit 28 die höchste Karriereposition im Finanzvertrieb erreichte, über 100 Mitarbeiter aufgebaut hat und heute hinter dem Podcast Unternehmer Macher, dem Unternehmernetzwerk LIONS LEAGUE und der Lebensschule steht.
Christoph Lindemann ist Unternehmer, Mentor und Host des Unternehmer Macher Podcasts. Aufgewachsen in einem kleinen Kuhdorf bei Rosenheim mit 1.500 Einwohnern, M-Zweig auf der Hauptschule, danach Ausbildung bei Siemens. Auf dem Papier ein klassischer deutscher Lebenslauf. In der Realität der Beginn einer komplett anderen Geschichte. Mit 17 ist er ausgezogen, gegen den inneren Widerstand seiner Mutter und gegen jeden, der gesagt hat, er sei zu jung. Heute lebt er in einer Penthouse-Wohnung in München, fährt einen schwarzen Aston Martin V12 und hat den Mont Blanc bestiegen, obwohl ihm ein Arzt mit 16 gesagt hatte, er werde mit 30 nicht mehr laufen können.
Was ihn besonders macht, ist nicht das Ergebnis. Es ist der Weg dahin. Christoph spricht offen über Phasen, in denen es ihm dreckig ging. Über Angst, über Selbstzweifel, über Steuerschulden und schlaflose Nächte. Genau diese Geschichten sind es, die diese Episode so wertvoll machen.
Christoph beschreibt sich selbst als Muttersöhnchen. Eltern, die ihm jeden Wunsch von den Lippen abgelesen haben, eine Mutter, die nicht Nein sagen konnte. Liebevoll aufgewachsen, behütet, sehr dankbar für seine Kindheit. Und gleichzeitig der Punkt, an dem er gemerkt hat: So werde ich nie eigenständig. Er war schüchtern, hätte nie eine fremde Person angesprochen, war einer dieser Menschen, die abends auf der Couch sitzen und sich fragen, was wäre gewesen, wenn...
Mit 17 hat er seiner Mutter gesagt: Mama, ich ziehe nach München. Für sie war das hart. Sie hat es nicht gezeigt und gesagt: Wenn das dein Wunsch ist, mach. Christoph zog in eine umgebaute Garage, mit dünnen Wänden, schimmligen Scheiben, in der sein komplettes Ausbildungsgehalt von Siemens drauf ging. Und genau das war seine Schule. Selber kochen, selber wäschewaschen, selber strukturieren. Sein Reich aufbauen.
"Wenn du jung bist, hast du gar nichts zu verlieren. Es wird wenige Dinge geben, die du bereust, weil du sie getan hast. Es sind die Dinge, die man nicht getan hat in den jungen Jahren, die man bereut."
Sein Umfeld war begeistert: Siemens, sicherer Arbeitgeber, Tarifvertrag, alle Türen offen. Christoph fuhr am ersten Tag voller Vorfreude zur Arbeit. Und er kam nach Hause wie ein gebrochener Mensch. Nicht weil der Tag besonders schlimm war. Sondern weil er gemerkt hat: Wenn das die nächsten 35, 40 Jahre meines Lebens sind, habe ich ein Problem. In der Mittagspause coole Kollegen. Im Restaurant Job aber niemand mit Leidenschaft. Niemand, der eine Vision verfolgte. Selbst der Chef nicht.
Das verrückteste Learning aus dieser Zeit: Christoph hat angefangen zu denken, das ist normal. Keinen Bock zu haben in die Arbeit zu fahren, weil alle anderen auch keinen Bock hatten. Eine kollektive Resignation, die man als Lähmung erst erkennt, wenn man draußen steht. Drei Jahre lang hat er das durchgezogen. Heute sagt er, er kann selbst nicht mehr erklären, warum es so lange war.
An einem Tag hatte er nach der Mittagspause keine Aufgaben mehr und surfte auf Facebook. Sein Chef erwischte ihn. Christoph stellte daraufhin eine Forderung: Doppelt so viel Arbeit und doppelt so viel Geld. Sein Chef lachte ihn vor der ganzen Abteilung aus, zog ihn in den Nebenraum und sagte: Sag das nie wieder so laut, sonst checken das die anderen. An diesem Tag schwor sich Christoph: Ich stehe nie wieder wegen einem anderen Menschen auf als mir selbst.
Christoph hatte sich nebenberuflich im Finanzvertrieb selbstständig gemacht. Innerhalb von eineinhalb Jahren erreichte er die mittlere Karriereebene. Dann blieb er stecken. Vier, fünf Jahre auf derselben Stufe. Bis zum bis dato grössten Rückschlag seines Lebens. Sein Top-Mitarbeiter, der 80 Prozent seines Umsatzes produzierte, wechselte von heute auf morgen zu einem Strom-und-Gas-Vertrieb, weil dessen Inhaber einen Lambo fuhr (der übrigens dem Bruder gehörte und am Ende beide im Knast landeten). 80 Prozent Umsatzeinbruch.
Gleichzeitig kam ein bunter Brief vom Finanzamt. Irgendwas zwischen 20.000 und 30.000 Euro Steuerschulden, zahlbar in zweieinhalb Monaten. Christoph war 21 oder 22, hatte gerade seine Firma verloren und schlief in der Nacht keine Sekunde. Er hätte einfach Privatinsolvenz anmelden können, in Deutschland fällt man weich. Hat er nicht.
Stattdessen hat er alle Menschen, die er liebt, im Handy blockiert. Sich offiziell verabschiedet, gesagt: Ich bin zwei Monate weg. Hat zwei Monate gearbeitet wie nie zuvor in seinem Leben, drei Mal mehr als sonst. Ergebnis: Nach zwei Monaten war das Geld da. Aber das eigentliche Learning war nicht, dass er härter arbeiten kann. Es war, dass er wegen einem dummen Brief vom Finanzamt härter gearbeitet hat als jemals zuvor für seine eigenen Ziele. Ab diesem Tag hat er sich geschworen, sein Haus nie wieder ohne ein echtes Warum zu verlassen.
Aus dieser Erfahrung ist ein Konzept entstanden, das Christoph heute Schmetterlingsziel nennt. Stell dir eine Raupe vor, die sich verpuppt und zum Schmetterling wird. Völlig irrational, niemand würde das für möglich halten. Ein Raupenziel wäre: Ich krabbel ein bisschen schneller, werde ein bisschen bunter. Ein Schmetterlingsziel ist so verrückt, dass es schwer dran zu glauben ist, aber so viel Energie auslöst, dass es wieder realistisch wird. Bei Christoph war es immer Freiheit. Es gibt nichts, was er nicht bereit wäre zu bekämpfen für noch mehr Freiheit für seine Geliebten und sich selbst.
Verkauf hat in Deutschland einen schlechten Ruf. Christoph sieht das anders. Für ihn ist Verkauf die wichtigste Fähigkeit, die ein Unternehmen besitzt. Punkt. Welches Unternehmen verdient Geld, ohne dass das Produkt oder die Dienstleistung gekauft wird? Keins. Genau deshalb verdient der gute Vertriebler bei BMW mehr als der Ingenieur, der das Auto baut. Und Verkauf ist nicht nur Produkt. Das ganze Leben ist Verkauf. Date, Vorstellungsgespräch, Beziehung. Und genau zu diesem Thema gibt es bei Roger Rankels Episode über Verkaufen eine sehr starke Ergänzung mit konkreten Sales-Strategien.
Christoph hat eine simple Methode, wie man echte Kunden findet. Bevor du irgendetwas baust, geh zu den Menschen, die dein Produkt später kaufen sollen. Stell ihnen die richtigen Fragen. Nutzt du das aktuell? Was fehlt dir? Was hättest du gerne lieber? Was wäre es dir wert? Soll ich dir Bescheid geben, wenn ich es habe? Notiere die Nummer. Sprich mit 100 Menschen. Bau das Produkt. Ruf die 100 Menschen an. Von denen werden 50 sofort Kunden, die anderen 50 schämen sich so, dass sie dich allein wegen der Geschichte weiterempfehlen. So baust du nicht nur Kunden, sondern echte Fans auf.
Christoph öffnet in dieser Episode die Tools-Box des Finanzvertriebs. Inflation entsteht, weil mehr Geld gedruckt wird. Wer sein Geld auf der Bank lässt, verliert. Wer eine Immobilie auf Kredit kauft, gewinnt, weil die Inflation einen Teil der Schulden tilgt. Wer Apple nutzt, sollte auch eine Apple-Aktie besitzen. Wer langfristig anlegt, kommt mit dem MSCI World über 15 Jahre auf 6 bis 7 Prozent Wertentwicklung. Und wer in den Versicherungsmantel investiert, spart bei langfristiger Anlage schnell 30.000 bis 100.000 Euro Steuern gegenüber dem klassischen Bank-Depot. Eine starke Ergänzung dazu liefert Tim Thönes Episode über ETFs und Finanzwissen, in der noch tiefer auf konkrete Anlagestrategien eingegangen wird.
Auf die Frage, ob er ein fauler Mensch sei, antwortet Christoph ohne zu zögern: Hundert Prozent. Ich bin der Faulste, den du kennen wirst. Aber er unterscheidet zwei Arten. Dumm-Foul ist sein ganzes Leben 70 Prozent zu geben. In der Arbeit gerade so viel zu machen, dass man nicht ausgestellt wird. Im Freundeskreis gerade so dabei zu sein, dass man nicht rausfliegt. Schlau-Foul ist einmal im Leben eine Sache zu 100 Prozent durchzuziehen, so lange, bis alles gut ist. Einen Kuchen zu backen, von dem man sich den Rest des Lebens ernähren kann.
Christoph hat acht Jahre gebraucht, um seinen Kuchen fertig zu backen. Heute trainiert er Mitarbeiter, die das in vier oder fünf Jahren schaffen. Was sind acht Jahre auf ein Leben? Wer hat unterm Strich mehr gearbeitet? Der, der zehn Jahre eine Sache durchgezogen hat? Oder der, der sein Leben lang 70 Prozent geben muss?
Christoph ist ein riesen Fan von Routinen, gerade weil er kein routinierter Mensch ist. Er stellt sich Routinen wie ein kleines Helferlein auf der Schulter vor. Jedes Mal, wenn eine unangenehme, aber wichtige Aufgabe kommt, übernimmt das Helferlein. Genau das ist die Macht der Routine. Autofahren war beim ersten Mal Chaos, heute funktioniert es unterbewusst. Genauso kann jede andere Aufgabe zur Routine werden.
Seine Methode: Am Anfang des Monats ein leeres Blatt nehmen und oben schreiben: Die grösste Handbremse meines Lebens ist. Dann die eine Routine identifizieren, die einen am meisten vom Erfolg abhält. Schlechte Ernährung, Netflix-Reflex, Reels-Scrollen, falsches Umfeld. Darunter: Diese Handbremse löse ich durch. Die positive Ersatzroutine. Dann 30 Tage durchziehen. Egal ob Wochenende, Regen, Sonne oder schlechte Laune. Erst wenn diese eine etabliert ist, kommt die nächste. Nach einem Jahr hast du zwölf negative Routinen abgelegt und zwölf Erfolgsroutinen etabliert. Du bist ein anderer Mensch.
Mit 16 hatte ein Arzt zu Christoph gesagt: Du wirst mit 30 nicht mehr laufen können. Knorpelmangel im Knie. Der Rat: Schone dich. Christoph hat sich geschont, die Muskeln um das Knie sind weniger geworden, die Schmerzen mehr. Irgendwann hat er sich vorgenommen, den Mont Blanc zu besteigen. Den höchsten Berg Westeuropas. Er hat angefangen, Bergsteigen zu trainieren, ist die ersten Male in Tränen vom Berg zurückgekommen. Aber Stueck für Stück wurden die Schmerzen weniger, weil er die Muskeln aufgebaut hat, die das Knie stabilisieren.
Am eigentlichen Tag der Besteigung war es zu warm, das Geröllfeld zu gefährlich. Eigentlich hätte er ein Jahr warten müssen. Christoph hat alle Bergführer in der Region durchtelefoniert wie eine Sales-Akquise. Hat einen gefunden, der noch eine Hütte organisieren konnte. Statt drei Tagen mussten sie es in zwei machen. Das gefährliche Geröllfeld zweimal an einem Tag passieren. Bei der zweiten Überquerung sah er Panik im Gesicht des Guides. Run, schrie der Mann. Sie sind rübergerückt, hinter einem Felsen in Deckung gegangen. Erst danach erfuhr Christoph, dass zwei Tage zuvor ein Bergsteiger an genau dieser Stelle gestorben war. Eine Grenzerfahrung, die ihn an das Gefühl erinnert hat, die höchste Karriereposition im Vertrieb zu erreichen.
Wenn Christoph rekrutiert, ist ihm der Lebenslauf nicht wichtig. Zu oft wurde er vom Gegenteil überzeugt. Hunderttausende verdient ohne Studium, mit schlechten Schulabschlüssen. Was zählt, sind drei Werte: Freundschaft, Qualität, Vertrauen. Vertrauen ist immer ein Vorschuss. Wer sich nicht öffnen will, weil er enttäuscht werden könnte, wird mit vielen Hindernissen durchs Leben laufen. Freundschaft, weil es ein gigantischer Unterschied ist, ob man morgens zur Arbeit oder zu Freunden fährt. Qualität, weil Christoph Geld als Abfallprodukt einer guten Dienstleistung sieht. Wer wegen Geld anfängt, verdient langfristig weniger. Wer sich auf Mehrwert konzentriert, wird automatisch belohnt.
Auf einem Seminar fragt Christoph regelmässig, wer von 50 Menschen das Gefühl hat, mehr zu verdienen, als er aktuell verdient. Fast alle melden sich. Für ihn ist das die grösste Lüge des Universums. Du bist da im Leben, wo du dich selbst hingebracht hast. Hättest du früher nach einer Gehaltserhöhung fragen können? Den Job wechseln? Dich selbstständig machen? Ja. Hast du es gemacht? Nein. Deswegen stehst du da, wo du heute stehst. Erst wenn ich verstehe, dass ich heute wegen meiner gestrigen Entscheidungen hier bin, kann ich heute die Ursachen für mein morgen setzen. Eine harte Wahrheit, die zur Samuel Sibilskis Episode über Spielsucht und Steuerschulden einen sehr ähnlichen Bogen schlägt: Verantwortung übernehmen, statt anderen die Schuld zu geben.
Das erste grosse Learning ist die Sache mit dem Risiko. In Deutschland macht man sich Sorgen um Risiken, die kaum existieren. Wer jung ist, fällt weich. Es gibt mehr Dinge, die man bereut, weil man sie nicht getan hat, als Dinge, die man bereut, weil man sie getan hat.
Das zweite Learning betrifft das echte Warum. Christoph hat gemerkt, dass sein grösster Antrieb nicht dann kommt, wenn alles gut läuft. Er kommt, wenn das Leben eine echte Aufgabe stellt. Ein Schmetterlingsziel, das so verrückt ist, dass es Gänsehaut macht.
Das dritte Learning ist die Sache mit der Faulheit. Wer einmal richtig Vollgas gibt und einen Kuchen fertig backt, hat unterm Strich weniger gearbeitet als jemand, der ein Leben lang 70 Prozent geben muss.
Das vierte Learning betrifft Verkauf und Geld. Verkauf ist die wichtigste Fähigkeit. Geld auf der Bank wird durch Inflation aufgefressen. Wer langfristig denkt, kombiniert ETFs, Versicherungsmantel und Immobilien. Wer das nicht selbst kann, braucht einen Berater, dem er wirklich vertraut.
Das fünfte Learning ist die volle Verantwortung. Da, wo du heute bist, hast du dich selbst hingebracht. Ein bitterer und gleichzeitig unglaublich befreiender Satz. Bitter, weil keiner mehr Schuld hat als du selbst. Befreiend, weil du auch der bist, der morgen alles ändern kann.
Diese Episode ist anders. Sie ist nicht die Geschichte eines Menschen, dem alles in den Schoss gefallen ist. Sie ist die Geschichte von einem Muttersöhnchen aus dem Dorf, das sich sein Leben Stueck für Stück selbst gebaut hat. Mit Garagenwohnung, Steuerschulden, Knieschmerzen, dem ersten Mitarbeiter, der gegangen ist, und tausend kleinen Entscheidungen, die zusammen einen anderen Menschen ergaben. Wenn du jemals das Gefühl hast, mehr aus deinem Leben machen zu wollen, dann hör dir diese Episode an. Sie ist kein Motivations-Trip. Sie ist der Beweis, dass es geht. Und sie ist eine direkte Aufforderung, deine eigene Handbremse heute noch zu lösen.
Karriere-Experte: Dein Job macht dich unglücklich | Tobias Jost (Karriereguru)
Wie bekommt man mehr Gehalt? Tobias Jost gibt Tipps für Bewerbung und Karriere. Erfahre, warum deine Wirkung entscheidender ist als deine Expertise.
Wolfgang Grupp Junior: „Ich hafte mit meinem Privatvermögen“
Vierte Generation bei Trigema: Wolfgang Grupp Junior trägt Verantwortung für 1200 Mitarbeiter und haftet persönlich. Ein Gespräch über Mut, Werte und Unternehmertum in Deutschland.