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70-jährige Unternehmerin: „Das habe ich gelernt“ | Cornelia Kisslinger-Popp

Sie hat jahrelang gewartet, dass jemand kommt und sie fragt, ob sie Partnerin werden will. Es kam niemand. Stattdessen holte ihr Chef eine Steuerberaterin von außen dazu, die die Prüfung noch nicht mal fertig hatte. Cornelia Kisslinger-Popp war da schon lange die, die geliefert hat. Heute hat sie eine Kanzlei in der Münchner Maximilianstraße, 30 Leute im Team und ist im letzten Monat 70 geworden. Und sie denkt keine Sekunde ans Aufhören.

 

Wer ist Cornelia Kisslinger-Popp?

Cornelia Kisslinger-Popp ist seit 40 Jahren Steuerberaterin und heute Partnerin der Kisslinger-Popp & Partner PartG mbB in München. Den Beruf hat sie nicht gewählt, weil Steuern sie fasziniert haben. Sie hat ihn rational gewählt. Ihre Mutter hatte nie Geld. Nach der Trennung der Eltern war Geld in ihrem Elternhaus dauerhaft Mangelware, und daraus wurde eine sehr klare Entscheidung: Ich will nie zu wenig Geld haben. Dazu kamen zwei weitere Punkte: Sie wusste, dass sie Kinder haben wollte. Und sie liebte Mathematik. Steuerberaterin war der Beruf, in dem sich beides verbinden ließ.

Die Rechnung ist aufgegangen, aber nicht sofort. Vierzehn Jahre lang war sie angestellt, dann freiberuflich bei einem Kollegen. Ihr Satz dazu ist entwaffnend ehrlich: "Ich bin hier die fleißige Biene im Hintergrund und arbeite und liefere, und er war nach vorne der Frontmann." Sie bekam einen Bruchteil des Umsatzes, den sie erwirtschaftete, und dachte lange, der andere könne einfach mehr. Bis der Gedanke kippte: Das, was er kann, kann ich auch. Sie kündigte. Ihr Mann sagte zu Hause: "Das überlegst du dir nochmal."

Der eigentliche Durchbruch kam Jahre später, mit Anfang 50, nach der Trennung. Erst da musste sie ihr Geld selbst verdienen, erst da wurde aus der kleinen Kanzlei ein Unternehmen. "Klein, klein, größer, größer, größer", beschreibt sie es. Ihr Mann nannte ihre Kanzlei damals einen Saftladen. Das hat sie tief verletzt. Heute sagt derselbe Mann, es sei großartig, was sie aufgebaut hat.

 

Warum das Umfeld dich zurückhält, wenn du gründen willst

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Episode ist keine Steuererkenntnis, sondern eine über Menschen. Wer gründet, verändert sich. Und das Umfeld will genau das nicht. Kisslinger-Popp formuliert es ohne Bitterkeit: "Das Umfeld will, dass alles so bleibt, wie es ist. Das ist die menschliche Natur, das braucht man nicht mehr zum Vorwurf machen."

Ihre Erklärung: Wer sich bewegt, zeigt den anderen, dass sie stehen bleiben. Das ist unangenehm, meistens unbewusst, und es führt dazu, dass die Menschen, die dir am nächsten sind, dir am häufigsten abraten. Christoph Lindemann teilt im Gespräch die gleiche Erfahrung und unterscheidet zwei Gruppen: die, die aus Neid abraten, und die, die aus Liebe abraten. Seine Mutter gehörte zur zweiten Gruppe. Beiden kann man es schwer übel nehmen. Auf beide muss man trotzdem nicht hören.

 

Mut ist die eigentliche Währung: Der Sprung in die Maximilianstraße

Gefragt, was sie heute anders machen würde, antwortet sie ohne Umweg: "Man braucht mehr Mut, Dinge wirklich durchzuziehen." Ihr Beispiel ist konkret. Ihre Kanzlei saß auf 50 Quadratmetern. Dann kam das Angebot: 300 Quadratmeter, Maximilianstraße, eine der teuersten Adressen Deutschlands. Sie sagte erst Nein. Ihre Mitarbeiter schauten sich die Räume an und sagten auch Nein. Und dann ließ es sie nicht los.

Sie rechnete durch, wie lange sie durchhält, wenn niemand einen Quadratmeter untervermietet. Was sie verkaufen müsste. Wann sie pleite wäre. Dann unterschrieb sie und vermietete die überzähligen Flächen unter. Ihr Fazit: "Plötzlich hat die Kanzlei ein anderes Standing. Wir waren natürlich dieselben, aber wir haben ein anderes Standing dadurch gekriegt." Der Schritt hat sich nicht nur gerechnet, er hat die nächste Stufe erst möglich gemacht. Die beiden Partner, die sich später in die Kanzlei eingekauft haben, hätten sich in die alte Kanzlei nach ihrer Einschätzung nie eingekauft.

Und der Gegenbeweis? Den liefert sie gleich mit. Sie hat einmal eine Bar in München eröffnet, in der Nähe vom Goetheplatz, und ist damit gescheitert. Ihre eigene Diagnose: halbherzig. Kurzer Mietvertrag, kurze Kündigungsfrist, das Hintertürchen von Anfang an offen. "Reinzugehen mit dem Mindset, wenn es nicht klappt, dann sorry" - genau so ist es dann auch gekommen. Der Vermieter kündigte, das Invest war weg.

 

Warum in Deutschland so wenige Frauen gründen

Nur rund 35 Prozent aller Gründungen in Deutschland gehen auf Frauen zurück, bei den Vollgründungen sind es sogar nur etwa 27 Prozent. Für Kisslinger-Popp ist das eines der drei Themen, die ihr wirklich unter den Nägeln brennen. Ihre Erklärung ist nicht Diskriminierung, sondern Sozialisierung.

Sie erzählt eine Szene, die ihr regelmäßig passiert: Mandanten fragen sie, ob die Kanzlei ihrem Vater gehört oder ihrem Mann. Der Postbote sagte ihr, als sie mit ihrem eigenen Namen unterschrieb: "Das muss Ihr Mann dann aushalten." Es macht sie wütend, und es zeigt, wie tief das sitzt. Ihr eigenes Muster hat sie dabei nie beschönigt: "Ich saß da und habe gewartet. Das ist so typisch Frau. Man denkt, man wird ausgewählt. Ja, wird man gar nicht. Man muss selber aktiv werden."

Der zweite Punkt ist die Größe der Ziele. Frauen, sagt sie, machen lieber noch eine Fortbildung, statt das Produkt endlich anzubieten. Sie schließt sich selbst ausdrücklich ein: Vom Bodensee zum Studium nach Stuttgart war für sie damals denkbar, München oder Berlin nicht. "Man kann größer als man denkt. Und wenn ich von Anfang an größer gedacht hätte, wäre ich jetzt größer."

Christoph Lindemann hält dagegen und beschreibt, dass eine geringere Erwartungshaltung im Gespräch auch ein Vorteil sein kann, weil man stärker heraussticht, wenn man dann liefert. Dass Frauen unternehmerisch längst in einer ganz anderen Liga spielen, zeigt auch die Episode darüber, wie Frauen als Gründerin ein E-Commerce-Unternehmen international skalieren. Kisslinger-Popp selbst hält übrigens nichts von einer Frauenquote: "Das verstärkt ja eigentlich auch nur dieses Bewusstsein, die Frauen brauchen die Quote. Nein, brauchen wir nicht. Wir kriegen das selber hin."

 

Was Männer von Frauen lernen können

Die Gegenfrage im Gespräch ist mindestens so spannend. Frauen führen und verhandeln anders, sagt sie. Für sie war immer selbstverständlich, dass es keinen Gewinner und keinen Verlierer geben darf, sondern dass man so lange sucht, bis eine echte Win-Win-Situation da ist. Und sie geht noch einen Schritt weiter: Höher, schneller, weiter sei nicht immer das, was gerade gebraucht wird. Manchmal sei tiefer der bessere Weg. Dazu gehört, Gefühle zuzulassen, auch im Business, auch Verletzung. "Auch ich traue mich das nicht immer, das zu zeigen, dass ich verletzt bin."

Wer sich für die Frage interessiert, wie man als Unternehmerin unabhängig von einem Arbeitgeber Vermögen aufbaut, findet dazu auch die Episode darüber, wie man finanzielle Freiheit außerhalb des Hamsterrads aufbaut, in der genau dieser Bruch mit der klassischen Erwerbsbiografie Thema ist.

 

Warum wir Deutschen zu viel Steuern zahlen

Rechnerisch arbeitet ein Deutscher im Schnitt bis zum 13. Juli für den Staat, erst danach für die eigene Tasche. Die durchschnittliche Abgabenlast liegt bei rund 53 Prozent. Nach 40 Jahren im Steuerrecht hat Kisslinger-Popp dazu eine klare, unbequeme Meinung, und die richtet sich nicht nur gegen den Staat.

"Die Menschen sind ein bisschen wie Schafe", sagt sie. Sie meint damit nicht die Steuerlast selbst, sondern die Reaktion darauf. Ihre Erfahrung: Wenn sie Mandanten eine sinnvolle Struktur vorschlägt, wollen die meisten gar nicht. Sie kennen es nicht, sie haben Angst, dass ihnen der Steuerberater etwas Kompliziertes verkauft, sie wollen in ihrer Struktur bleiben. "Und dann rätst du und berätst und dann, ja, und passieren tut nichts."

Auch mit ihrer eigenen Branche geht sie hart ins Gericht. Der Berufsstand sei darauf konditioniert, die Deklarationsarbeit für den Staat zu erledigen, also Erklärungen abzuarbeiten. Viele trauten sich inhaltlich nichts. Dabei ist im legalen Rahmen sehr viel möglich: "Dann wird es halt gestrichen in der Betriebsprüfung, aber es ist keine Steuerhinterziehung." Ihr eigener Vorschlag: Man müsste zwei Berufsbilder trennen, den echten Steuerberater und den Deklarationsersteller. "Deswegen stimmt der Begriff Steuerberater natürlich nicht."

 

Die drei Hebel, mit denen Unternehmer am meisten sparen

Der erste Hebel ist die Struktur. Kisslinger-Popp ist erklärte Freundin der Holding: oben das Sparschwein, in dem sich Geld ansammelt und wieder investiert wird. Weil die Holding rein vermögensverwaltend ist, fällt keine Gewerbesteuer an, nur Körperschaftsteuer. Wer durchrechnet, wird über die Jahre um ein Vielfaches vermögender, als wenn das Geld erst versteuert privat entnommen und dann investiert wird. Sie ordnet auch ein, dass Unternehmensgewinne künftig mit rund 25 Prozent belastet werden. Wie sich das im Detail auf die Planung eines wachsenden Unternehmens auswirkt, ist auch Thema in der Episode über die richtige Steuerstrategie für skalierende Unternehmen.

Der zweite Hebel ist Kreativität. Was könnte mit meinem Beruf zu tun haben, was kann ich absetzen? Ihr Beispiel an dem Tag: der Roller, mit dem sie zur Aufnahme gefahren ist, steht im Betriebsvermögen. Ihre Warnung dazu ist genauso deutlich: Wer die private Geburtstagsfeier absetzen will, sorgt vor allem dafür, dass der Finanzbeamte sauer wird. "Weil der kann seinen Geburtstag auch nicht absetzen."

Der dritte Hebel ist Haltung. "Mutig, mutig, mutig und gegenüber dem Finanzbeamten das richtig vertreten. Also nicht zu schnell einknicken." Der Beamte sei auch nur ein Mensch, und irgendwann gebe er nach - vorausgesetzt, er bekommt am Ende ein Stück vom Kuchen, sodass beide Seiten zufrieden sind. Wie hart es umgekehrt werden kann, zeigt ihr Beispiel aus der Gastronomie: Nachkalkulation bis auf den einzelnen Gin Tonic, Zoll, Schwarzlohn, und dann bricht alles zusammen.

Und wenn einem die Steuerlast in Deutschland trotzdem zu hoch wird? Kisslinger-Popp könnte sich vorstellen, mehrere Standorte zu haben, Deutschland aber nicht ganz zu verlassen. Eine Firma im Ausland würde sie gründen, wenn das Geschäft ortsunabhängig ist, und zwar nicht zwingend dort, wo sie wohnt. Wie es Menschen geht, die diesen Schritt komplett gehen und ortsunabhängig arbeiten und aus Deutschland auswandern, ist in einer eigenen Episode ausführlich Thema.

 

Alter ist keine Ausrede, sondern ein Grund

Das durchschnittliche Gründungsalter in Deutschland liegt bei 34 Jahren. Zwischen 50 und 64 gründen nur noch elf Prozent. Kisslinger-Popp hat mit Anfang 50 richtig angefangen und ist heute 70. Ihr Punkt: "Es hat mit der Zahl nichts zu tun, es hat mit mir selbst zu tun. Will ich es oder will ich es nicht?"

Den stärksten Satz der Episode hat sie von einer Bekannten übernommen, ebenfalls Unternehmerin: Sie lässt die alte Frau nicht rein. Alter, sagt Kisslinger-Popp, fühlt niemand. Man bekommt es gespiegelt oder man sieht es im Ausweis. Wer mitten in der Nacht geweckt und nach seinem Alter gefragt wird, muss erst den Verstand einschalten. Was bleibt, sind Schubladen: der Junge, der angeblich noch nichts kann, und die Ältere, die sich rechtfertigen muss, warum sie überhaupt noch arbeitet. "Es bedeutet nicht, dass ich mich limitieren lasse."

Sie widerspricht dabei sogar der Erfahrungs-Romantik. Je jünger man sei, desto schneller bekomme man neue Entwicklungen mit, desto offener und weniger eingefahren sei man. Offenheit für Entwicklung sei allerdings keine Frage des Alters, sondern der Lebenseinstellung. Wer mit 30 zu ist, ist auch mit 30 zu.

Was das praktisch heißt: Am Tag der Aufnahme war sie morgens um 6 Uhr auf einem Netzwerktreffen, kam danach in den Podcast, führt eine Kanzlei mit 30 Leuten, baut gerade ein Coaching für Unternehmer auf und renoviert ein Gästehaus in Tirol. Auf die Frage, wie lange sie das noch machen will, antwortet sie: "Bis morgen oder bis in zehn Jahren, weiß ich nicht. Ich mache so lange, wie ich es gut finde."

 

Die wichtigsten Learnings aus dieser Episode

Warten funktioniert nicht. Der teuerste Fehler ihres Berufslebens war nicht eine Fehlinvestition, sondern die Jahre, in denen sie darauf gewartet hat, dass jemand sie zur Partnerin macht. Wer etwas will, muss es aussprechen. Das gilt für Beförderungen, für Preise und für Beteiligungen.

Ein offenes Hintertürchen wird benutzt. Die Bar scheiterte an einem kurzen Mietvertrag und einem Mindset, das das Scheitern schon vorweggenommen hat. Die Maximilianstraße gelang, weil es kein Zurück gab. Wer sich einen Plan B baut, gibt in der Regel nur Halbgas.

Größe ist eine Entscheidung, keine Folge. Der Sprung von 50 auf 300 Quadratmeter hat nicht nur mehr Platz gebracht, sondern ein anderes Standing, andere Mandanten und am Ende zwei Partner. Die Kanzlei war vorher dieselbe. Die Wahrnehmung war es nicht.

Der Preis richtet sich nach der Leistung, nicht nach dem Geldbeutel des Kunden. Ihr eigener Satz dazu: "Ich darf ja meinen Preis nicht danach gehen, wie viel der Mandant hat, sondern was ist meine Leistung wert."

Steuerlich passiert nichts von allein. Struktur, kreatives Denken und der Mut, gegenüber dem Finanzamt nicht sofort einzuknicken, sind die drei Hebel. Alle drei muss der Unternehmer selbst anstoßen, weil ein großer Teil der Branche schlicht Erklärungen abarbeitet.

 

Fazit

Cornelia Kisslinger-Popp ist der lebende Gegenbeweis für die drei beliebtesten Ausreden im Unternehmertum: Ich bin zu spät dran, ich bin die Falsche dafür, ich habe keine Vorbilder. Sie hatte alle drei und hat trotzdem mit über 50 angefangen, richtig zu bauen. Ihre Botschaft an die Zuhörer besteht aus drei Worten: Traut euch alles zu. Wer 100 Minuten Zeit hat und wissen will, wie man Mut, Steuerstrategie und ein sehr entspanntes Verhältnis zum eigenen Alter unter einen Hut bekommt, sollte sich die komplette Episode anhören.

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